Gemeinwohl-Ökonomie Kernkonzept

 

Kurzfassung erstellt von

Elly Klinkenberg

Hamburg, im März 2014

 

GEMEINWOHL-ÖKONOMIE

(Kernkonzept/Christian Felber)

  1. 1.Das Konzept

1.1.  Neues Menschenbild – Umpolen des Anreizrahmens

Das Menschenbild mit Egoismus/Gier/Geiz/Konkurrenz sei, so wird allgemein behauptet, in unseren Genen neuronal verankert. Diese Vorstellung wird durch die neuere sozial-und naturwissenschaftliche Forschung widerlegt. Das neue Bild: der Mensch ist ein soziales, zur Kooperation neigendes Wesen, emphatisch und hilfsbereit, mit ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden (siehe zum Beispiel die Neurobiologen Joachim Bauer und Gerald Hüther). Folglich kann (Möglichkeit, nicht Notwendigkeit!) der Anreizrahmen für Wirtschaftsakteure umgepolt werden von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation. Das „kann“ ist sorgsam zu bedenken; denn als Gesellschaft können wir uns Regeln geben!

1.2.  Wann messen wir endlich das, was wir messen wollen?

Derzeit messen wir den „Erfolg“ jedes Unternehmens am GEWINN. Aber: „Sagt uns ein höherer Finanzgewinn eines Unternehmens etwas Verlässliches darüber aus, ob:

  1. odas Unternehmen Arbeitsplätze schafft oder abzubauen?
  2. odie Qualität der Arbeitsplätze steigt oder sinkt?
  3. odie Erträge gerecht verteilt werden?
  4. oFrauen gleichbehandelt und bezahlt werden wie Männer?
  5. odas Unternehmen die Umwelt achtet oder ausbeutet?
  6. oes Waffen herstellt oder regionale Lebensmittel?“ (Felber, S.37)

Wie lässt sich das messen, was sie eigentlich messen wollen?

Die GW-Bilanz ist als Matrix aufgebaut (siehe Anlage) mit:

  1. a.Kopfzeile: fünf Werte (Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung & Transparenz)
  2. b.Vorspalte: fünf Berührungsgruppen (= Stakeholder): LieferantInnen, GeldgeberInnen, MitarbeiterInnen inklusive EigentümerInnen, KundInnen/Produkte/Dienstleistungen/Mitunternehmen, gesellschaftliches Umfeld.
  3. c.Auf den Schnittfeldern ergeben sich 18 Gemeinwohl-Indikatoren mit insgesamt 1.000 Gemeinwohlpunkten, gruppiert fünf Stufen, die jeweils farblich gekennzeichnet sind (200/rot, 400/orange, 600/gelb, 800/hellgrün, 1000/grün).
    (Siehe Felber,S.46)

1.3.  Der entscheidende Schritt!

Je mehr Gemeinwohlspunkte ein Unternehmen erzielt, desto mehr rechtliche Vorteile besonders genießen. Geeigneter Anreizinstrumente sind schon da. Sie müssten nur konsequent für Gemeinwohl-Leistungen entsprechend der fünf Stufen vergeben werden, also

  1. ofünf Mehrwertsteuersätze
  2. ofünf Zolltarife
  3. ofünf Kreditstufen bei den Banken
  4. ofünf Kategorien beim öffentlichen Einkauf und bei der Auftragsvergabe (ein Fünftel der Wirtschaftsleistung!)
  5. oFünf Kategorien bei Forschungskooperationen mit öffentlichen Universitäten
  6. ofünf Kategorien bei direkten Förderungen

Im Klartext also: je höher die Zahl der Gemeinwohlspunkte, desto niedriger die Mehrwertsteuer, desto niedriger die Zölle, desto günstiger die Kredite, desto höher der Vorrang beim öffentlichen Einkauf usw.

Der entscheidende Schritt besteht darin, dass staatliche Organe auf den verschiedenen Ebenen (Kommune, Bundesland, und) direkt gewählte Wirtschaftkonvente bestellen, die die Anreizinstrumente beschließen und die Gemeinwohl-Indikatoren operationalisierbar und justiziabel machen. Christian Felber plant, nach fünf Jahren intensiver Bewerbung des Konzepts dieses der Politik auf Bundesebene vorzulegen.

1.4.  Konsumenten-Vorteile

Unternehmen mit erfolgreicher GW-Bilanz können also systematisch belohnt worden. Die Folge wäre, dass ethische, fair erzeugte und gehandelte, nachhaltige und regionale Produkte und Dienstleistungen preiswerter werden können. Nicht nur an den GW-Farben würde man also die GWÖ-Produkte und -Dienstleistungen erkennen, sondern auch am Preis.

Die GW-Bilanz ist verpflichtend. Ein Strich mit dem Handy über den Strichcode auf dem GW-Produkt würde die gesamte GW-Bilanz des Herstellers auf dem Display zeigen.

 

1.5.  Nicht erlaubte Gewinnverwendungen

Die Finanzbilanz wird es weiterhin geben, allerdings unter ganz anderen Bedingungen und Voraussetzungen als heute. Auch eine Reihe bisheriger Gewinnverwendungen sind weiterhin erlaubt. Interessant und entscheidend sind die nicht mehr erlaubten Gewinnverwendungen:

  1. 1.Ausschüttung von Gewinnen an EigentümerInnen, die nicht im Unternehmen arbeiten,
  2. 2.Firmenaufkäufe und -fusionen, gegen deren Willen,
  3. 3.Finanzinvestments von Unternehmen,
  4. 4.Parteispenden von Unternehmen.

 

  1. 2.Vision der Realisierbarkeit

Wirtschaftskonvent: „…… Zehn bis fünfzehn fundamentale Spielregeln würden reichen. Der Wirtschaftsverfassungsteil hätte vermutlich auf ein bis zwei Seiten Platz. Erstmals würden in einem demokratischen Verfahren die Spielregeln für die Wirtschaft festgelegt. Diesen Luxus könnten wir uns zum 100. Geburtstag des Endes der Monarchien in Deutschland und Österreich – 2018/19 – endlich gönnen.“ (Felber, S. 135)

  1. 3.abschließende Anmerkungen

3.1.  bisherige UnterstützerInnen

1.532 Unternehmen

     62 PolitikerInnen

5.464 Personen

   207 Vereine

         1 Gemeinde (Region)

7.286 Gesamt     (Stand: März 2014)

„Vergangenes Jahr seien neue lokale Gruppen in Finnland, Polen, Tschechien, Holland und in vielen Ländern Lateinamerikas entstanden….., einige Universitäten und Hochschulen hätten angedockt….., Und das Bundesland Salzburg finanziere ein Gutachten für eine Gemeinwohl-Modellregion“. (Süddeutsche Zeitung, 7.1.2014)

3.2.  Facetten meiner persönlichen Wertschätzung des Konzepts

  1. 1.GWÖ ist für die Unternehmen freiwillig.
  2. 2.Das marktwirtschaftliche Anreizsystem bleibt erhalten.
  3. 3.Das unternehmerische Basis verhalten wir um gesteuert auf Wettbewerb um Gemeinwohlspunkte.
  4. 4.GW-Bilanz ist verwendbar für alle Unternehmensgrößen und -branchen.
  5. 5.GWÖ ist kein starres und vollendetes Modell, sondern eine Lernbewegung.
  6. 6.Das GWÖ-Konzept macht sofort Laune: Genug der Analysen. Bühne frei für das neue!

3.3.  Empfehlungen zur Weiterarbeit

www.gemeinwohl-oekonomie.org

http://www.gemeinwohl-oekonomie.org/sites/default/files/GWOe-Matrix-4.1..pdf

Christian Felber, Gemeinwohl-Ökonomie, Wien 2012

Soziale Bedarfswirtschaft

Soziale Bedarfswirtschaft

Ein postkapitalistisches und kapitalfreies Gesellschaftsmodell

von Dr. oec. Gerhard Burow


Das Ziel soll ein global gültiges, alternatives Gesellschaftsmodell zur kapitalbasierten Marktwirtschaft sein. Hierzu müssen die in der Gesellschaft herrschenden Verhältnisse der Einkommens- und Leistungsverteilung anders werden, die heute folgendermaßen charakterisiert werden können:

  • Produktionsmittel, Geld und Menschen sind Kapital. Ziel ihrer ökonomischen Verwertung ist die Gewinnrealisierung über Kapitaleffizienz am Markt. Der Hauptcharakter von Märkten in einer kapitalbasierten Marktwirtschaft ist der „Angebotsmarkt“, indem Waren unter Verbrauch von materiellem, finanziellem und personellem Aufwand erstmal hergestellt werden, um dann über willkürlich festgesetzte Preise eventuell Absatz zu finden.
  • Die Distributionsverhältnisse basieren vornehmlich auf Ergebnisaneignung privat eingesetzten Kapitals wie Technik, Boden, Rohstoffe, Menschen und Geld. Einkommensbildung erfolgt über Verteilung und Umverteilung von Markterlösen. Preisbestandteile sind demzufolge materieller Aufwand, Finanzierungskosten, Lohnkosten, Kosten der Umverteilung (Steuern, Abgaben, Gebühren, Sozialsysteme), sowie Gewinn und Profit.
  • Geld wird zu Kapital, impliziert Macht, kann sich verselbstständigen und ist mit dem Giersyndrom behaftet. Damit werden alle Distributionsprozesse so organisiert, dass privates Kapital sich zugunsten der Eigner unbegrenzt vermehrt. Gemeinwohl und Solidarität sind nicht systemrelevant, sondern müssen politisch erkämpft werden.
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