Von der Erwerbsarbeit zur Tätigkeitsgesellschaftft


Zehn Thesen zur Zukunft der Arbeitsgesellschaft

 

Wir leben noch im Zeitalter der ausschließlichen Orientierung an der „Erwerbsarbeit“ (ein Konzept, das noch  aus der Industrialisierungsphase unserer Gesellschaft stammt); heute müssten wir hingegen alle Tätigkeiten die dem Gemeinwohl dienen( erziehen, pflegen, bilden, ehrenamtliche Funktionen) als der Erwerbsarbeit gleichwertig anerkennen.

Von der Erwerbsarbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft. Anerkennung aller dem Gemeinwohl dienenden Tätigkeiten als gleichwertig (auch in der Bezahlung) zur Erwerbsarbeit, z.B. Erziehung, Pflege, Ehrenamt, Bildung.

Der Begriff der Arbeit muss neu definiert werden und - darauf aufbauend - neue Tätigkeitsfelder gesellschaftlich vereinbart werden. Deshalb regten die Kirchen im "Gemeinsamen Wort" von 1997 an, Arbeitsplätze in dem sehr sinnvollen Bereichen der häuslichen Tätigkeiten (Erziehung und Pflege) und den außerhäuslichen, gemeinwohl-orientierten Tätigkeiten (Bildung, Kultur, Sozialkapital) zu schaffen bzw. vorhanden Tätigkeiten als gleichwertig zu Erwerbsarbeit anzuerkennen und zu finanzieren. Diese neuen Formen der Tätigkeit müssen nicht nur anerkannt, sondern auch gesellschaftlich finanziert werden.

 

Zehn Thesen zur Zukunft der Arbeitsgesellschaft und zur „Tätigkeitsgesellschaft“

1.Wir leben in einer Erwerbsarbeitsgesellschaft, die es hin zur „Tätigkeitsgesellschaft“ fortzuentwickeln gilt

.Damit wird der Einsicht Rechnung getragen, dass auch zukünftig die menschliche Arbeit im Mittelpunkt der Überlegungen zu einem neuen Gesellschaftsmodell stehen muss. So wie die Erwerbsarbeitsgesellschaft eine bestimmte Form der Ausprägung der Arbeitsgesellschaft darstellt, so beschreibt der Begriff „Tätigkeitsgesellschaft“ die Absicht, die Erwerbsarbeitsgesellschaft zu transformieren. Die „Tätigkeitsgesellschaft“stellt ein Modell jenseits der Arbeitsgesellschaft dar. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ ist eine ist eine transformierte Erwerbsarbeitsgesellschaft.

 

 2. Die Erwerbsarbeit stellt eine Vereinseitigung dar; sie wird gegenüber anderen menschlichen Tätigkeiten und Handlungsfeldern überbewertet. Menschliche Arbeit wird einseitig auf Erwerbsarbeit hin linearisiert. Auch das System der sozialen Sicherung beruht bisher fast ausschließlich auf der Erwerbsarbeit als Zugangsvoraussetzung und Indikator zum Bezug sozialer Leistungen. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ intendiert gegenüber dieser einseitigen Konzentration und Allokation eine deutliche gesellschaftliche Aufwertung derjenigen menschlichen Tätigkeiten, die jenseits der Erwerbsarbeit liegen („Privatarbeit“ und gemeinwohlbezogene Arbeit).

 

 3. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ will mehr Verteilungsgerechtigkeit herstellen
Die bisherige Organisation der Erwerbsarbeit, die Übermacht des Kapitals, die profitable Verwertung eingesetzten Kapitals auf den weltweiten Börsenplätzen unabhängig von der menschlichen Arbeit, die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung und eine „Politik der Spaltung“ sind nur einige Faktoren, die für eine ungerechte Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums, der weiterhin steigt, mitverantwortlich sind. Seit einigen Jahren erleben wir einen gigantischen Umverteilungsprozeß in den sogen. Industrienationen und vor allem weltweit. Die Spaltung zwischen Armen und Reichen, zwischen armen und reichen Kontinenten, Staaten und Regionen nimmt beständig zu. In den sogen. Industrienationen selbst bilden sich „Peripherien“ heraus, die zu Enklaven der Armut werden. Bereits die angesprochenen Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Verteilungsfrage unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten zu einer zentralen Frage eines zukünftigen Gesellschaftsprojektes wird.

 

 4.Die „Tätigkeitsgesellschaft“ will neue Formen der Arbeit initiieren bzw. ausbauen
Es geht ihr dabei gleichermaßen um eine „Befreiung in der Arbeit“ und eine „Befreiung von der Erwerbsarbeit“ in den derzeit vorherrschenden Strukturen und Abhängigkeiten. Neue Formen der Arbeit insgesamt und der Erwerbsarbeit im Besonderen müssen dabei nicht neu erfunden werden, sondern sie sind bereits da.: als Pflege, Erziehung, Bildung und gemeinwohlorientierte Tätigkeiten. Die einseitige Fixierung auf die Erwerbsarbeit bedingt aber, dass diese neuen Formen der Arbeit gegenüber der traditionellen Erwerbsarbeit „randständig“ bleiben.

 

5. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ setzt auf eine neue Beantwortung der Frage nach dem Sinn menschlicher Tätigkeit
Die neuen Formen der Arbeit bzw. eine deutliche Verschiebung zwischen Erwerbsarbeit, individueller und gemeinwohlbezogener Tätigkeitt (s.u.) werden nur dann gelingen, wenn die Grundfrage „Was macht den Menschen aus?“ nicht einseitig weiterhin durch eine Erwerbsarbeitsdoktrin beantwortet wird. Die Erwerbsarbeit hat den Menschen auf diese spezifische Form der Arbeit hin programmiert. Wenn dies aber so ist, muss die „Sinnfrage“ in einer zukünftigen „Tätigkeitsgesellschaft“ in einem größeren Zusammenhang beantwortet werden.

 

 6. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ zielt auf einen neuen Ausgleich und eine neue Verhältnisbestimmung der „Triade der Arbeit“ (Modell der KAB)
Der Zusammenhang und das Gefüge von Erwerbsarbeit, individueller und gemeinwohlbezogener Arbeit müssen sich verschieben. Zwischen diesen drei gleichberechtigten und notwendigen Bereichen menschlicher Arbeit müssen eine größere Durchlässigkeit und mehr Flexibilität geschaffen werden. Die Anerkennung der tendenziellen Gleichberechtigung bedingt, dass soziale Sicherheit in einer „Tätigkeitsgesellschaft“ nicht mehr ausschließlich über die Erwerbsarbeit gewährleistet werden kann. Modelle zur Verknüpfung der drei Bestandteile der „Triade der Arbeit“ müssen entwickelt werden.

 

 7. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ bedingt, dass die vorhandene Erwerbsarbeit weiter geteilt werden muss
Eine Ausweitung des Erwerbsarbeitsvolumens ist angesichts der (zukünftigen) technischen und technologischen Entwicklung („dritte industrielle Revolution“) aber nicht zu erwarten. Im Gegenteil: die weltweit getätigten Rationalisierungsinvestitionen der Unternehmen laufen gerade darauf hinaus, Erwerbsarbeit zu ersetzen. Erwerbsarbeit bleibt aber weiterhin eine Ausdrucksform des Menschen Grundbedürfnisses, zu einer Gemeinschaft dazugehören zu wollen, in einem Betrieb „zu arbeiten“ und einer
Belegschaft“ anzugehören. Auch schlechte Jobs (Dark-Dirty-Dangerous-Jobs) werden nicht selten aus dem Grund „akzeptiert“, noch zur Erwerbsarbeitswelt gezählt zu werden. Auch eine zukünftige „Tätigkeitsgesellschaft“ wird dem Rechnung tragen müssen. Sie ist keine Gesellschaft, die sich allein jenseits der Erwerbsarbeit (s. o.) ansiedelt, sondern diese gerade einschließt, allerdings unter neuen Perspektiven und mit einer deutlichen Relativierung gegenüber der individuellen und gesellschaftlichen Arbeit. Einerseits gilt so für die „Tätigkeitsgesellschaft“, dass Erwerbsarbeit nich alles ist, andererseits gilt für sie aber auch, dass ohne Erwerbsarbeit alles Nichts ist. Deshalb sind Formen des Teilens der vorhandenen Erwerbsarbeit weiterhin erforderlich.

 

 8. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ wird eine dezentrale Organisationsform der Wirtschaft und des menschlichen Handelns insgesamt stärken
Allein aus ökologischen Gründen wird dies erforderlich sein. Dezentrale Organisationsformen sind zudem besser geeignet, die Teilhabe und Teilnahme im Sinne einer Bürgergesellschaft bzw. Zivilgesellschaft zu ermöglichen. Dabei kann es aber nicht darum gehen, die weltweiten Probleme aus den Augen zu verlieren und eine „Tätigkeitsgesellschaft“ für wenige in „geschützten Räumen“ zu entwickeln.

 

 9.Die „Tätigkeitsgesellschaft“ wird die Frage nach sozialer Sicherheit auf einem höheren Niveau beantworten müssen als die traditionelle Erwerbsarbeitsgesellschaft
Für ca. 85% der Bevölkerung gilt, dass sie zur Absicherung des Lebensunterhalts über Arbeitskraft verfügt und arbeiten muss, um Einkommen zu erzielen und soziale Sicherheit herzustellen. Einerseits gibt es das Bedürfnis, zur Arbeitswelt dazugehören zu wollen (s.o.), aber andererseits könnten sich viele Menschen vorstellen, auf Erwerbsarbeit zu verzichten, wenn denn die soziale Absicherung gewährleistet ist. Die „Tätigkeitsgesellschaft“ der Zukunft wird deshalb „Recht auf Einkommen“ in den Vordergrund der politischen Bemühungen stellen müssen. Wenn immer weniger Erwerbsarbeit zur Verfügung steht und diese Entwicklung dann immer weniger soziale Absicherung für eine zunehmende Zahl von Menschen nach sich zieht, wenn darüber hinaus die vorhandene Erwerbsarbeit weiter aufgeteilt werden muss, dann muss die Frage nach Einkommen und sozialer Sicherheit anders als bisher beantwortet werden (Konzepte bedarfsorientierter Grundsicherung, Grundeinkommen, „BürgerInneneinkommen“ etc.).

 

10. In der „Tätigkeitsgesellschaft“ kommt dem freiwilligen, an eigenständigen Motivationen und dem Willen zur Mitgestaltung ausgerichteten bürgerschaftlichen und damit gemeinwohlbezogenen Engagement ein besonderer Stellenwert zu
Lösungen für anstehende Probleme sind in erster Linie durch die in bürgerschaftlichen Netzwerken erworbenen Kompetenzen zu erwarten. Die
Tätigkeitsgesellschaft“ setzt damit auf „Politikmuster“ von unten und weniger auf Lösungen von oben. Diese Vorgehensweise stellt neue Herausforderungen an die Agenten“ der Macht und der etablierten Politik sowie an die Vertreter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Großorganisationen. Die Basis der „Tätigkeitsgesellschaft“ und das politische Fundament bildet ein Geflecht engagierter Gruppen, denen eine aktive Teilnahme an Entscheidungen eingeräumt wird. Das „Parteienmonopol“ der politischen Willensbildung wird dadurch deutlich eingeschränkt.

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